19262,507 Meilen rund um die EU

Niemand ahnte, welche Aktualität dieses Projekt bekommen würde, als Stefan Enders im März 2015 während seines Forschungssemsesters zu seiner Reise einmal rund um die EU aufbrach.

Als Fotograf wollte er etwas über die Menschen in der Europäischen Union erzählen. Und zwar nicht dort, wo man alles schon kennt, in den Zentren, sondern in den Rand- und Grenzregionen.
Seine siebenmonatige Reise führte ihn 31.000 km entlang der gesamten Außengrenzen – von Schottland über Portugals bis zum äußersten Nordosten Skandinaviens. Einmal »rund um die Europäische Union«. Mehr als 200 Menschen hat Stefan Enders dabei porträtiert. In intensiven SW-Bildern zollt er allen Portraitierten den gleichen Respekt: dem Fabrikdirektor genauso wie dem Gewerkschaftsboss, der Arbeiterin, den Arbeitslosen bis hin zu den in Europa gestrandeten Flüchtlingen. Seine Farbaufnahmen betten das Projekt in die aktuelle historische Situation Europas ein. Herausgekommen ist eine Hommage an die Menschen dieses Europas, eine poetisch-kritische Auseinandersetzung voll Sympathie und Strahlkraft. Jetzt zeigt die Ausstellung »Weit weg von Brüssel«, die am 5. Oktober in Brüssel eröffnent wird, die beeindruckenden Ergebnisse dieser Reise und bringt mit seinen Bilder, begleitet von faszinierenden und oft berührenden Geschichten, verschiedenste Menschen und Lebenswirklichkeiten aus den Grenzgebieten ins Zentrum der EU. Zur Eröffnung der Ausstellung wird außerdem der gleichnamige Bildband präsentiert.

»Den Stimmen aus den entferntesten Städten und Regionen in Brüssel Gehör verschaffen, das ist auch der Auftrag des Europäischen Ausschusses der Regionen. Nur an der Basis kann es Europa schaffen, neue politische Ansätze zu finden, um wieder ein echtes Band des Vertrauens zu den Europäerinnen und Europäern zu knüpfen. Ohne lokale und regionale Verankerung, ohne territoriale Dimension wird Europa wie ein Baum ohne Erde sein, unfähig, Wurzeln zu bilden, und unweigerlich verdorren. – Aus diesem Grund bin ich sehr stolz, dass der Europäische Ausschuss der Regionen die Schirmherrschaft für dieses ganz besondere und besonders europäische Projekt übernommen hat.« (Karl-Heinz Lambertz, Präsident des Europäischen Ausschusses der Regionen)

»Ob ich mich als Europäer fühle? Keine Ahnung – ich bin Schotte.«

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Ausstellung und Buchpräsentation
»Weit weg von Brüssel«
Vernissage: 5.Oktober 2017, 12:00 Uhr
Ausstellungsdauer: 6.– 26. Oktober 2017
Rue Belliard/Belliardstraat 101
(Gebäude des Europäischen Ausschusses
der Regionen) 1040 Brüssel

Parallel zur Ausstellungen in den Innenräumen werden 44 lebensgroßen Arbeiten auf Metall-Platten auf der Rue Wiertz,
am Zaun des Parc Léopold, direkt gegenüber des Europäischen Parlaments installiert.

»Weit weg von Brüssel«
Edition Lammerhuber.
Format: 24 x 29 cm Seiten: 336
Abbildungen: 180
Hardcover, Leinen gebunden
ISBN 978-3-903101-24-1

Aufbau der Außenausstellung: Thomas Pirot und Friedel Jörger begleiten Stefan Enders nach Brüssel.

Fotos aus dem Buch und der Ausstellung

„Seit 10 Monaten habe ich keinen Lohn mehr bekommen. Am Schluss hatten wir nicht einmal mehr Geld für das Essen der Flüchtlinge. Ich frage mich, wohin das viele Geld der EU geflossen ist. Das Ganze ist ein riesiges Geschäft!“
Lella Pennisi, 42, mit ihrem Sohn Okada Buluma, 7, Acireale, Sizilien, Italien

Noch immer trennt in West-Belfast eine Mauer, die höher ist als die Berliner Mauer es je war, die protestantischen von den katholischen Wohngebieten. Die beiden Mädchen mit ihren rotblonden Haaren haben die Schuluniform noch nicht abgelegt, als sie ihre beiden Puppen spazierenfahren. Die Mauer verhindert, dass sie den kleinen Puppenwagen auch durch die Straßen auf der protestantischen Seite schieben können.

Belfast, Nordirland

Die legendäre spanische Legión steht ihrem französischen Pendant, der Fremdenlegion, in nichts nach. Sie gilt heute als eine der besten Infanterietruppen der NATO. Eine der drei Einheiten ist in Melilla stationiert. Über dem Eingangstor prangen große Lettern: „Legionarios a luchar, legionarios a morir. Todo por la patria.“ (Legionäre zum Kampf, Legionäre zum Sterben. Alles für das Vaterland.)

Spanische Exklave Melilla, Afrika, Spanien

Denkmal zu Ehren der bulgarischen Luftwaffe.
Omurtag, Bulgarien

„Seitdem ich die Wasserrechnungen nicht mehr bezahlen konnte, müssen wir das ganze Wasser für zehn Personen in Flaschen vom nächsten Brunnen holen.“ Stefan Dimitrov, 59, Zvezdets, Bulgarien

Früher gab es hier eine große Militärgarnison. Die türkische Grenze ist gerade mal zehn Kilometer entfernt. In den verfallenen Mietskasernen der Soldaten leben heute viele Sinti und Roma. Stefan Dimitrovs zehnköpfige Familie teilt sich eine feuchte, verschimmelte Militärwohnung. Das Dach ist kaputt, es regnet rein. Zwei der kleinen Kinder sind krank. Eine Möglichkeit zu einem Arzt zu gehen gibt es nicht. Sie haben keine Versicherung und müssen den Arzt privat bezahlen – dazu fehlt ihnen das Geld.

Einsam ist es schon manchmal. Doch der Bär kommt ja regelmäßig, so zwei Mal im Monat, vorbei.“
Jurek Zajac, 60, Bieszczady, Polen

„Seit Jahrhunderten spüren wir hier die Gefahr, die von Afrika ausgeht! Ich zweifle daran, dass der Frieden erhalten bliebe, wenn die Legión nicht da wäre.“ Brigada Miguel Angel Pascual Villalobos, 51, Spanische Exklave Melilla, Afrika

Miguel ist seit 32 Jahren bei der Legión, der Eliteeinheit der spanischen Streitkräfte. Er war in Kampfeinsätzen auf dem Balkan, im Irak und zuletzt noch im Kosovo. Er stammt aus Melilla. „Seit ich sprechen kann wollte ich zur Legión. Wenn man in solch einer militärischen Grenzsituation aufwächst, prägt einen das als Kind. Ich hatte immer schon den Wunsch, mein Land zu verteidigen.“