Ausgehungert von dem fehlenden Urlaub

Von Riesenvögeln und Notfallplänen

Also die Toiletten-Situation fehlt mir überhaupt nicht!“, sagt im Gespräch eine Freundin zu mir. Ich überlege ob, es jemanden gibt, der Flugzeug-, Zug- oder Raststättenklos toll findet. Aber mir fällt niemand ein.

Wir sitzen in ihrem kleinen Zimmer und reden darüber, wie sehr wir die Ferne vermissen. Sie sitzt auf dem Bett, zwei Kissen im Rücken, die Füße über den Rand hängend. Ich sitze auf dem Schreibtischstuhl ihr gegenüber. Wenn man aus dem Fenster schaut sieht man den blauen Himmel. Im Minutentakt fliegen dort Flugzeuge entlang. Wie viel zu große Vögel sehen sie aus. Irgendwo da hinten befindet sich der Frankfurter Flughafen.

„Wer vermisst schon Flugzeugklos, lange Autofahrten oder das Kofferpacken?!“ gebe ich zurück mit den Gedanken in den Wolken, bei den Menschen in den Flugzeugen. Sie spricht davon, was sie alles am Reisen nicht mag: Das viele Schwitzen in warmen Ländern, die Touristen überall, die alles fotografieren und vor allem das lange Warten. „Ich war immer das Kind, das nach kurzer Zeit gefragt hat, wann wir da sind.“ Und obwohl sie sagt, dass sie die Wartezeit schon immer als nervig empfand, habe ich doch das Gefühl, daran hängen viele schöne Erinnerungen.

Frühes Aufstehen, Kofferpacken, lange Autofahrten. Genau das macht doch einen Urlaub zu einem Urlaub.

Geräusche aus Richtung des Frankfurter Flughafens lassen uns aus dem Fenster blicken. Die fliegenden Riesenvögel sind kleine Reminder, dass man momentan keine Chance hat, selbst in einem zu sitzen. „Hast du auch manchmal diese Momente, in denen Kleinigkeiten reichen, um dich an die Ferne zu erinnern?“, frage ich sie.

Sie schnauft. Von Parfum bis Wein sei alles dabei. Besonders der erste Kaffe am Morgen, noch im Bademantel auf dem Bett sitzend, erinnere sie oft an den Gardasee. Sie gestikuliert wild vor sich hin, als sie die Aussicht vom Balkon, der jährlichen Ferienwohnung in Italien beschreibt.

Als wir wieder in ihrem Zimmer landen, merke ich wie schnell man unzufrieden mit seinem Leben werden kann, wenn man keine Auszeit hat.
„Der Mensch ist ja auch nicht dazu gemacht immer zu arbeiten. Der Körper und vor allem die Seele brauchen mal eine Pause. Das Problem ist, dass die Distanz zum Alltag fehlt.“
Ich nicke und muss an das Ich-will-was-ich-nicht-kriegen-kann-Phänomen denken.

Die Frühlingssonne wirft ihr Licht in den Raum und der Holzboden leuchtet auf. Das, was sie als Nächstes sagt, bestätigt meine Theorie. „Es ist einfach wie ein tief sitzendes Bedürfnis. Vergleichbar mit Süßigkeiten, die man nicht haben darf. Es ist wie eine Praline, die einem verwehrt bleibt.“
Ich muss an unsere Abiturzeit denken. „Weißt du noch, als wir im Abi-Stress waren? Da hatte ich auch das Bedürfnis nach so einer Praline…“ sage ich. Nicken. Sie weiß genau, was ich meine. Starker Leistungsdruck löst manchmal ein gewisses Fluchtbedürfnis aus.
„Ich finde nur, jetzt gerade ist es eher das Eingeschränktsein, es fehlt einfach ein Tapetenwechsel.“ Ich bin mir sicher, dass es unzähligen Leuten momentan auch so geht.

„Lina, ich bin ausgehungert vom fehlenden Urlaub!“, gibt sie auf einmal mit sehnsüchtiger Stimme von sich.
Im nächsten Moment schmieden wir einen Notfallplan, wenn das Fernweh zu groß wird. So gut wie alles fällt in die Kategorie „Dinge, die nicht alltäglich sind, tun“.

Motorradfahren, picknicken im Park, Eis essen gehen. „Aber am Ende muss man einfach durchhalten, nichts kann einen richtigen Urlaub ersetzten…Oma sagt immer: wenn du heiratest, ist alles vorbei Kind.“ Wir fangen an zu lachen. Und hoffen, dass wir nicht so lange warten müssen.
„Ich freue mich schon auf den Moment, wenn meine größte Sorge wieder das Flugzeugklo ist. “, sagt sie, während sie am Fenster steht und den Flugzeugen hinterher sieht.

Autorin: Lina Mendzigall