Die Farbe können wir den Blumen überlassen

Warum ist die Modefarbe Schwarz unter Designern so beliebt?

Ja, ich gebe es zu. Auch ich gehöre zu den Personen, die man tagtäglich fast nur in schwarzer Kluft sieht. Die Farbe, die eigentlich keine Farbe ist. Das Dunkelste vom Dunklen, das Nichts – es zieht mich magisch an. Begonnen hat das eigentlich auch erst, seitdem ich mich in die Design-Welt begeben habe und mir aufgefallen ist, wie viele Design-Professoren oder Designerinnen doch monochrom schwarz angezogen sind. Es ist ein geheimer Dresscode, ein Geheimnis, das nie irgendjemand wirklich beantworten konnte, wenn man darüber sprach.

Doch warum ist das so? Warum ausgerechnet Schwarz?

Gegenstandslose Zweckdienlichkeit

Fotografen tragen Schwarz, weil es kein Licht reflektiert, Künstler, weil Kohlestift-Flecken oder Ähnliches darauf untergehen. Wenn alles im Kleiderschrank schwarz ist, fällt einem die morgendliche Entscheidung nicht schwer, was man denn anziehen soll. Somit bleibt mehr Zeit für die wichtigeren Entscheidungen des Tages.
Zu Zeiten Friedrich Wilhelm III mussten Pfarrer, Richter und Professoren schwarz als Berufskleidung tragen, daraus resultierte schwarz als Farbe der Akademiker. In den Sechzigern pachteten die Studenten dann die schwarze Intellektuellen-Tracht für sich.

Monochrome Uniform

Die Begleiterscheinung des Schwarz-Tragens ist seine Monochromität. Es wirkt wie eine Art Uniform, wie ein Umhang, ein Gewand, das man sich umwirft. Viele Kreative wollen die Aufmerksamkeit auf ihre Arbeit lenken und nicht auf sich. Es wirkt elegant und zurückhaltend, die Persönlichkeit und das Schaffen der Person gerät mehr in den Vordergrund. Ergo: Der Kopf, der auf dem schwarzen Rollkragenpullover sitzt, denkt komplexe Gedanken und beinhaltet viele Ideen.
Mein Opa war Architektur-Professor und trug nur Dunkelblau. Sogar seine Socken mussten dunkelblau sein. Das Einzige, das aus der Reihe tanzte, war das ab und an graue Jackett. Schwarz fand er, glaube ich, nicht so toll. Zu meiner Mutter meinte er einmal, als sie ganz in schwarz gekleidet war, dass sie aussehen würde wie ein Mönch.

Schwarz, ein (sub)kulturelles Symbol

Das, ist manchmal vielleicht auch das Problem an der Nicht-Farbe: Außenstehende können nicht eindeutig identifizieren, was für eine Persönlichkeit man jetzt eigentlich sei.
Ein Existentialist, eine Künstlerin, eine Designerin, ein Bestatter, eine Nonne, ein Theologe, ein Goth, ein Emo, oder einfach nur intellektuell oder doch einfallslos? Es ist eben doch nicht nur eine Farbe, es ist ein Statement, das ich meinen Mitmenschen kommuniziere. Die unbewusste Aussage, dass „ich nicht so bin, wie ihr denkt“.
Als ich mal an einer U-Bahn-Haltestelle, auf einer Bank, auf zwei Freundinnen gewartet habe, weil wir ausgehen wollten, in einen Technoclub, wo schwarze Kleidung mehr oder weniger auch eine unausgesprochene Regel ist – ich natürlich ganz in schwarz, bis auf ein blau gemustertes Halstuch – kamen zwei junge Kerle auf mich zu und fragten mich forsch, ob jemand gestorben sei, oder warum ich so schwarz angezogen wäre. Sie setzten sich zu mir und wir unterhielten uns über Mode – beide hatten keine Ahnung und ich fühlte mich unverstanden.

Bevor wir fallen, fallen wir lieber auf

Sogar ein Buch wurde schon darüber geschrieben: „Why Do Architects Wear Black?“ von Cordula Rau, die selber Architektin ist und die Antworten ihrer Kollegen schriftlich festgehalten hat:

„Weiß ich nicht.“
„Macht mich dünner.“
„Muss man beim Anziehen nicht nachdenken.“

Die einzig wahre Antwort gibt es also nicht, die benannte Spezies weiß also selber nicht, warum sie das tut, was sie tut.
Warum ich so gerne Schwarz trage, weiß ich auch nicht so wirklich. Sartre habe ich nie gelesen und Mönch wollte ich auch nie werden.
Christoph Mäckler, Architekt und Stadtplaner, meint über Schwarz-Träger: „Sie glauben, sich von der bürgerlichen Gesellschaft, aus der sie stammen, absondern zu müssen, um so richtig ‚Künstler‘ werden zu können“.
Vielleicht haben ja alle Schwarz-Träger einfach nur Minderwertigkeitskomplexe und wollen auffallen, obwohl sie paradoxerweise nicht auffallen wollen? Ganz in schwarz angezogen zu sein, ist wie ein Blaumann, nur dass es ein „Schwarzmann“ ist, eine Persönlichkeitsuniform, die Inszenierung meiner eigenen Person als schwarz eingehülltes, umherwandelndes, nonkonformistisches Wesen.
Aber, ganz ehrlich, um nochmal auf die beiden jungen Männer an der U-Bahn-Haltestelle zurückzukommen: Irgendwo auf der Welt stirbt ja immer irgendwer, also kann man nie falsch angezogen sein, wenn man schwarz trägt. Der Architekt Volker Staab, hätte es im Buch nicht besser, als ich jetzt, sagen können:

„Die Farbe können wir den Blumen überlassen.“

Autorin und Bild: A.C.