Es ist schwer, die richtige Dosis zu erwischen

von Microdosing und Nyctophilia

„Morgens bin ich immer müde, aber abends werd ich wach“, dieser Schlager von Trude Herr könnte mein Lebensmotto sein.

Mein Schlafrhythmus gefällt mir eigentlich sehr gut und ich hatte nie ein Problem damit, aber leider haben nicht alle Menschen auf dieser Erde den selben Schlafzyklus wie ich. Ich halte mich an die rund acht Stunden erholsamen Schlaf. Der Unterschied ist nur, dass ich relativ spät ins Bett gehe: 3 Uhr nachts, zu der Uhrzeit befindet sich der Durchschnitt der Nordeuropäer bereits in der REM-Phase. Und natürlich stehe ich dadurch bedingt auch später auf: 11 Uhr morgens, um die Zeit haben andere schon ihre vierte Tasse Kaffee getrunken.

Mir gefällt der Gedanke, die Arbeit in die Nacht zu verlegen, den Tag in die Nacht zu morphen. Tagsüber gehe ich gerne raus, vor allem im Sommer, und nachts kümmere ich mich dann um alle Aufgaben, die andere gerne tagsüber erledigen. Da kommt es auch mal vor, dass ich erst um Mitternacht Geschirr spüle und dabei auch noch singe – eine Entschuldigung an dieser Stelle an meine Nachbarn: Ich bin es, die denkt, sie könnte Italo Disco singen, ohne italienisch zu sprechen. Ich bin ein nachtaktives Wesen, ein „nocturnal animal“, umgeben von einer Welt, die von Frühaufstehern regiert wird.

Und diese Frühaufsteher, Arbeitsdiktatoren und Zeitdiebe machen mein Leben zu einem Problem: Ich soll auch vor 11 Uhr funktionieren. Da aber wie erwähnt, leider nicht alle den selben Schlafrhythmus haben wie ich – schade – muss ich dann doch oft vor 11 Uhr aufstehen.
Deshalb bin ich oft müde und nicht gerade leistungsfähig. Außerdem gehöre ich zu den Menschen, die keinen Kaffee trinken. Kaffee schmeckt mir nicht. Und schwarzer Tee ist nicht stark genug, um mich tagsüber funktionsfähig zu machen. Die Energie gewinne ich höchstens aus den vier Stücken Zucker, die im Tee schwimmen, da mir das Ganze sonst zu bitter ist.

Meine Lösung: Microdosing. Ein Trend, der im Silicon Valley seinen Ursprung fand. Natürlich Amerika, das Land der Medikamenten-Missbraucher und Selbstoptimierer.

Beim Microdosing werden diverse legale Substanzen, beispielsweise Koffein und Nikotin, aber auch nicht legale Stoffe wie LSD oder Pilze eingenommen. Doch wie der Name schon sagt: in sehr, sehr kleinen Dosen.
Ein Zehntel der Dosis, die man normalerweise braucht, um high zu werden, reicht aus. Ich finde, dass sich die daraus resultierenden Veränderungen eigentlich ganz brauchbar anhören: Verbesserung von Konzentration, Gedächtnisleistung, Kreativität, Produktivität, das Verschwinden von Müdigkeit und schlechter Stimmung und sogar eine Steigerung des Selbstbewusstseins sowie der Selbstsicherheit. Also mindestens fünf Gründe es mal auszuprobieren.

Ein weiterer positiver Aspekt ist die kumulative Wirkung: Sie verstärkt sich mit der Zeit, das heißt die eingenommene Dosis wird immer kleiner, letztendlich reicht dann ein Mikrogramm pro Monat aus. Ich müsste also nicht jeden Morgen verschlafen, mit halbgeschlossenen Augen meinen bitteren Tee trinken und darauf warten, dass der Zuckerrausch einsetzt. Sondern springe lebenslustig aus dem Bett und werde zur Lerche? Und das alles ohne die schweren Nebenwirkungen und Risiken einer Abhängigkeit, die eine „normale“, regelmäßige Dosierung mit sich bringen würde?

Leider hat die Sache nicht nur einen Haken: Angststörung-Patienten berichteten von einer Verschlimmerung ihrer Angst. Menschen, die eine Farbblindheit oder Rot-Grün-Sehschwäche haben, litten an visuellen Störungen.
Dass beispielsweise Nikotin ein hohes Suchtpotential hat, dürfte jedem bekannt sein. Auch minimal dosiert kann es abhängig machen.
Weiterhin wurde bei einer Studie festgestellt, dass sich die Herzfrequenz und der Blutdruck erhöht haben, bei einer Verwendung von Nikotinpflastern mit 21 Milligramm Nikotin. Außerdem ist noch nicht genau erforscht, inwiefern schon Mikro-Dosen von LSD möglicherweise Psychosen auslösen könnten.

Die Dosis macht das Gift.

Microdosing ist nicht für jeden geeignet, aber vielleicht für die Leute, die mal die Nacht zum Tag machen wollen und den Tag zur Nacht.
Nach zu viel Recherche, über mögliche Risiken, bleibe ich lieber bei meiner Schwarztee-Zucker-Überdosierung und genieße meine Nyctophilia – die Liebe zur Nacht. Tintarella di Luna…

Autorin und Bild: A.C.