Quartett ohne Ohrensessel

Schon seit Ewigkeiten beschwere ich mich über mein Leseverhalten. Ich hab schon immer gern gelesen, mal mehr und mal weniger, aber Leseflauten waren schon immer Killer für mich. So vor etwa zwei Jahren hat dann Netflix quasi endgültig mein Bücherregal besiegt. Ich bin damit nicht allein gewesen und falls du dich wiedergefunden hast in meinen paar Worten, dann bist du es mit Sicherheit auch nicht.

Zu viert ging dann unser Buchclub los. Ja bisschen snobby, ich weiß. Aber ich schwöre, die Leseflauten wurden bekämpft, mehr oder weniger. Und nun, Zeit ein bisschen mit Vorurteilen aufzuräumen: Das literarische Quartett sind wir nicht, wir lesen auch nicht jeden Monat alle dasselbe, sondern treffen uns einfach alle vier Wochen, um über die Bücher zu quatschen, die wir gelesen haben. Auch Germanistik studieren wir nicht und in Ohrensesseln machen wir es uns auch nicht gemütlich, leider.

Nun hier die entscheidenen Vorteile unseres kleinen Arrangements:

  1. Ein Zwang zum Lesen ist auch für eingespielte Prokrastineur*innen super, weil Deadline tut immer gut. Und ohne Buch zum Buchclub gehen fühlt sich einfach nicht richtig an.
  2. Es gibt so viele geile Bücher. Wie soll man denn ne Leseflaute haben, wenn jeden Monat die Liste mit Wünschen länger wird und das Regal wächst?

Also, grundsätzlich war das eine wahnsinnig gute Idee von mir mit dem Buchclub. Wenn du sie nachmachen willst: Gründe einen Buchclub am Besten mit Leuten, die du ganz gern magst und deren Meinung du schätzt, dann bockt es besonders. Für hartgesottene Leseratten kann man natürlich auch jeden Monat ein Motto setzen, jeden Monat ein bestimmtes Buch lesen oder sich etwas anderes Findiges überlegen. Bei uns geht es übrigens auch regelmäßig um gute Podcasts, Filme und Artikel – alles, worauf wir Bock haben. I love it einfach!

Nun, da ich jetzt meine Weisheiten zur Bekämpfung von Leseflauten geteilt habe, hier eins meiner Buchhighlights mit dem du direkt los starten kannst:

An Absolutely Remarkable Thing von Hank Green.
Ok hear me out: Ich bin kein John Green Fan, ist einfach nicht mein Bier. Aber, in guter 2010er-Teen-Manier, habe ich fast alles von John Green gelesen. (Wer die Bücher haben will, hit me up, meine Eltern beschweren sich schon ewig über die Stapel, die ich bei ihnen zurück gelassen habe).
Dass John Green einen Bruder hat und die beiden gemeinsam irgendwelche Youtube-Videos machen, war mir vage bewusst. Auch hatte ich von dem Buch des Bruders Hank Green gehört, aber die vielen quirky girls aus dem John Green Glitter Universum haben mich einfach abgeschreckt. Der Bruder fällt bekanntlich ja nicht weit vom Stamm? 

Das Buch hab ich zu Weihnachten bekommen und erstmal im Regal verschwinden lassen. Aber der Lockdown kam, damit kam auch TikTok und damit wiederum Hank Green – die coolste TikTok Ikone unserer Zeit.
Ich übertreibe nicht: Der 40-jährige Typ macht einfach hart sympathische Science-TikToks, die mir das Herz erwärmen (und ich hasse Mathe). Mit meinem neuen Internet-Crush habe ich mich dann auch an sein Buch erinnert, es wieder aus dem Regal befreit und (Überraschung!) es dann stundenlang nicht mehr weggelegt.

Über den Inhalt will ich gar nicht zu viel sagen: Es geht um die Designstudentin April in New York, die nachts eine mysteriöse Statue „Carl“ auf der Straße findet und spontan zur Legende wird. Denn sie ist zufällig die erste Person, die Kontakt zu Aliens aufnimmt. Sie wird über Nacht zum Superstar, ihr ganzes Leben sowie sie selbst verändern sich ruckartig.
Zwar geht es in dem Buch um Aliens und irgendwie auch um Naturwissenschaften, schließlich ist es von Hank Green und es ist unter Science-Fiction gelistet, aber viel mehr geht es um Fame, um Freundschaften und um’s Internet:

„A year ago, I watched the world fall in love with my best friend. We thought it would be fun, we thought it would be silly, but then that love tore her apart and put her back together different. April and I, alone in a hotel room, plotted to change her from a person into a story. It worked. It worked because it was a great story, and one that fit her. We did not know that she would actually become it. The most insidious part of fame for April wasn’t that other people dehumanized her; it was that she dehumanized herself.“

April, die Protagonistin der Story ist wirklich das Zentrum der ganzen Geschichte und es ist ne richtig wilde Fahrt.
Ich kann das Mädel einfach nicht ab und doch hat sie mich in ihren Bann gezogen. Sie versucht möglichst strategisch mit ihrer neuen Berühmtheit umzugehen, baut eine Internetpersönlichkeit auf und bleibt an dieser hängen. Sie badet im Rampenlicht und findet’s geil, möchte volle Kontrolle behalten über etwas, das unkontrollierbar ist und man sieht ihr quasi zu, wie sie sich und ihre Beziehungen in den Ruin treibt.
Und so sehr ich mich geärgert habe, konnte ich irgendwie doch zu ihr finden. Sie hat mir auch einfach Leid getan. Dass die Story größtenteils aus Aprils Perspektive geschrieben ist und sie aus der Zukunft ihre Fehler und Erfolge mit Kommentaren schmückt, die nichts blumiger machen sondern einfach fucking ehrlich sind, macht das Ganze so viel besser. Und wer sagt schon „nein“ zu ner guten Prise Authentizität und einem Blick hinter die Famekulisse?

Wie gesagt, ich bin kein Sci-Fi Fan, aber die eingeworfenen wissenschaftlichen Erklärungen haben schon gebockt. Ich glaub, das liegt einfach an Hank. Der hat einfach richtig Freude und liebt so Zeug. Kein Wunder, dass meine alten Chemielehrer*innen mich nicht für chemische Reaktionen begeistern konnten, die hatten einfach selbst eine wahnsinnig geringe Motivation. Hank Green könnte mir stundenlang was über das Periodensystem erzählen und ich würd nicht einschlafen.

Neben April ist das Buch großzügig mit social commentary gespickt and I’m a sucker for that. Es geht viel um’s Internet und darum, was es kaputt machen kann, was für eine Macht es ausstrahlt. Ich habe dem Buch jedes Wort abgekauft, obwohl es tierisch unwahrscheinlich (Science-Fiction eben) ist.
Mit April habe ich mich unweigerlich verglichen und mich in ihr wiedererkannt. All das ohne viele Follower und Likes zu haben, weil der Rausch einfach so nachvollziehbar ist (sadly). An dieser Stelle muss ich unbedingt noch eine ehrenvolle Erwähnung (gerade nochmal die Übersetzung von honorary mention gegoogelt und die Alliteration macht es einfach sexy) unterbringen: Hank Green schafft es – anders als sein Bruder – ein solide diverses Buch zu schreiben, ohne es einem stolz auf die Nase zu binden.
Wir haben ne Ladung queerer Charaktere und BPoC und sowohl white privilege als auch bi-erasure finden Platz in der Geschichte. Wir brauchen mehr solcher (tragischen) Wahrheiten.

Lasst euch von dem Namen und Genre nicht abschrecken, schaut mal bei dem Buch vorbei. Hank kann wirklich schreiben. Bei mir war es nach zwei Tagen weggelesen und gerade hab ich gesehen, dass es mittlerweile auch einen zweiten Teil gibt. Der wird direkt bei Bukafski bestellt. (Ich lehn mich mal mit dem Titel für die beste Buchhandlung in Mainz aus dem Fenster, Gartenfeldplatz!)

Ach, was ich ganz vergessen habe zu sagen: Das ganze Buchclub Ding funktioniert nicht nur für Buch-Ultras und Aufschieber*innen. Mit dem Lesen kann jede*r anfangen und Hörbücher sind übrigens auch geil, vor allem mit Hund.
Und, das mit den John Green Büchern meinte ich vollkommen ernst: Ich geb sie gerne alle her.

Autorin: Mmametsi Claus

 

Bild: Mmametsi Claus