Unlesbar?

Eine Review zu Stefanie Vogls Vortag beim Format „ReadOn“

Stefanie Vogl wird vorgestellt, sie sitzt entgegen dem Licht zum Bildschirm, im Hintergrund zwei Fenster, an denen der blaue Himmel in Berlin zu erkennen ist. Die Internetverbindung scheint nicht so gut zu sein, ein Zeichen unserer momentanen Zeit. Die Audioqualität leidet, ihre Stimme ist trotzdem klar und bestimmt. Es wird kein gesamter Lebenslauf heruntergerattert, nur kurz erwähnt wie ihr Studium aussah.
Während ihres Studiums hat sie sich vor allem auf Fotografie und Journalismus fokussiert. In ihrem letzten Semester hat Stefanie Vogl sich das erste Mal mit Grafik Design beschäftigt. Die Auseinandersetzung mit Typedesign kam erst 2017.

Anfänge

2017 gestaltete sie, aus eigenem Interesse, anlässlich der Leichtathletik und Para-Leichtathletik EM in Berlin zwei Plakate mit einer dazu designten Schrift, inspiriert von den Bewegungsabläufen des Sports. Hierbei konzentrierte sie sich auf die Statik und Dynamik der einzelnen Bewegungen und formte daraus Grundelemente ihrer Schrift. Das Einzige, das sich von den Plakaten unterschied, war die jeweilige Illustration. Für die Para-Leichtathletik EM ein Sportler mit Beinprothesen.
Danach stellt sie Projekt für Projekt vor, in 25 Minuten wird ihr OEvre durchgeklickt, eine Website hat sie schon länger nicht mehr, dafür Instagram (@omfdofficial) und das läuft gut. Mittels veröffentlichter Schriftskizzen auf Instagram wurde das TUNICA Magazine 2018 auf sie aufmerksam und fragte an, ob Vogl eine Schrift für eine ihrer Ausgaben gestalten wolle.

font follows feeling

Als Typedesignerin hat Stefanie Vogl eine ganz besondere Herangehensweise: Ihre Inspiration gewinnt sie aus ihren Emotionen und ihrem Alltag, es geht immer um Bewegung, um das Dynamische, Fließende, das festgehalten wird und seinen Ausdruck schlussendlich in einzigartigen Fonts wiederfindet.
„Dyade“ ist eine Symbiose aus Jugendstil und Futurismus. „Autark“ symbolisiert die eigene Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit. Wie Vogl selbst betont, sei ihr das im Leben äußerst wichtig. Sie meint es wäre schön, aus diesem Gefühl zu versuchen, eine Schrift zu entwerfen. Für die Entwicklung einer Schrift erwähnt sie den Zeitraum von mindestens einem Jahr. Man merkt, wie viel Hingabe und Leidenschaft hinter Stefanie Vogls Arbeit steckt.
Als Stefanie Vogl ein Projekt zeigt, bei dem T-Shirts mit der Schrift „Autark“ und einer dazugehörigen Illustration bedruckt wurden, die sich mit dem Thema Lebensmittelverschwendung und der Reduzierung von Müll befasst, erscheint ein Kommentar im Chat des Zoom Meetings: „Unlesbar“. Keiner der Anwesenden reagiert darauf.
Stefanie Vogl erzählt unbeirrt weiter, zeigt, wie vielseitig das Einsetzen ihrer Fonts ist – Tattoos, T-Shirts, Layouts in Magazinen.

Darf Typografie Kunst sein?

Beim Thema Lesbarkeit in der Typografie spalten sich die Geister. Heutzutage sieht man immer mehr Typografie, die nicht immer dem Zweck der Lesbarkeit dient, sondern eher als künstlerische Grafik zu verstehen ist. Im Buch „read + play“ von Ulysses Voelker wird dazu erwähnt: „(…)postmoderne Designer waren frei von Gewissensbissen. Ungeachtet aller Kritik sahen sie in der Typografie das Potential zum Ausleben des eigenen künstlerischen Ausdrucks – zuweilen auch jenseits verpflichtender Kommunikationszwänge.“
Otl Aicher war der Meinung, sobald Typografie nicht mehr lesbar sei, sei sie keine Typografie mehr, sondern Kunst. Sie sei dann keine Mitteilung mehr. Jedoch ist dies nur eine Meinung von vielen. Eins hat sie dann aber doch mit Otl Aicher gemeinsam: Beide haben Medien für Sportwettkämpfe gestaltet – jede*r auf seine Weise.
David Carson hingegen zeigte bereits in den 90er Jahren, dass Schrift nicht mehr lesbar sein muss. Die sogenannten „type hypes“, zyklische Entwicklungen in der Typografie, zeigen, dass es heutzutage immer mehr um Regelbruch, Authentizität und Spielerei geht und dies kann man sehr gut in Stefanie Vogls Arbeiten beobachten.
Im Gegensatz zu Andreas Uebeles Vortrag, der davor stattfand, geht es weniger um Orientierungs- und Leitsysteme, bei denen die Klarheit der Schrift im Vordergrund steht, weil sie eine Information enthält.

Zukunft ist Gegenwart

Bei Stefanie Vogl geht es viel mehr um ihre persönlichen Interessen, wie ihre Begeisterung für Leichtathletik und die olympischen Spiele. Sie schafft einen Spagat, einen Zusammenhang zwischen körperlicher Bewegung oder dem emotionalen Empfinden eines Menschen und der Gestaltung einer Schrift zu ziehen, was einen sehr progressiven und avantgardistischen Charakter erzeugt. Typografie ist und bleibt ein Spiegelbild der Gesellschaft – auch wenn diese manchmal unlesbar ist.

Autorin: Alessandra Viole

Quellen
Voelker, Ulysses: „read + play“; Einführung in die Typografie: Hintergründe, Grundlagen, Litera-turempfehlungen; Verlag Hermann Schmidt

Instagram von Stefanie Vogl