Wie studiert man ohne Kneipen?

Sonntagmorgen. Es ist kurz nach neun und ich bin ausgeschlafen.
Ich befreie mich von meiner Bettdecke, gehe in die Küche, koche einen Kaffee und stelle die zwei Weingläser von gestern Abend in die Spülmaschine. Mit einem Glas haben wir angefangen und aufgehört. Ich öffne den Kühlschrank, greife nach der Hafermilch, fast leer, und stelle sie zurück neben die halb volle Flasche Rose.
Dieser Anblick ist traurig. 
So habe ich mir mein Studentenleben nicht vorgestellt.

Vor einem Jahr hätte ich nicht gedacht, dass ich mich einmal danach sehnen werde, gedrängt zwischen Menschen mit Ellbogen in den Rippen an meinem halb verschütteten Bier zu nippen, 20 Minuten vor der Damentoilette die Beine zusammenzupressen oder mit einem gewaltigen Kater aufzuwachen.
Ich vermisse den Geruch von Zigarettenrauch und Sauerstoffmangel, Tische, an denen die Spielkarten festkleben, und den Geräuschpegel, der für einen Abend meine Gedanken übertönt.

Studieren ohne Kneipen ist möglich. Aber erfüllt es noch seinen ursprünglich Sinn?

Fördert Brotbacken den sozialen Austausch genauso wie ein geselliger Abend mit Freunden? Hilft Netflix bei der Selbstfindung? Trägt auch noch der zweihundertste Spaziergang der Persönlichkeitsentwicklung bei? Ich glaube nicht.
Viel eher glaube ich, dass mit dem Schließen der Kneipen ein sehr wichtiger Teil der Studienzeit wegfällt. Der Teil, in dem wir all das machen können, was mit zwei Kindern, einem Haus und einem festen Job anstrengend wäre.
Da Erfahrungen sammeln im Moment alles andere als leicht scheint und weil man als Student|in an der aktuellen Situation nicht viel ändern kann, egal wie verzweifelt man ist, sind hier ein paar Ideen, die einem echten Samstagabend nahe kommen:

1. Spabiergang
Um den herkömmlichen Spaziergang ein bisschen spannender zu gestalten, bedarf es nur einer kleinen Änderung: Tausche das „z“ gegen ein „b“, stecke ein bisschen Kleingeld in die Hosentasche und zieh deine Schuhe an. Ab jetzt hat der tägliche Spaziergang ein Ziel. Der nächste Kiosk oder der übernächste, vielleicht auch der überübernächste, je nach Motivation. Angekommen, gibt es zur Belohnung das Bier, welches nicht vor Ort sondern gemütlich schlendernd auf dem Weg genossen wird.
Im Winter lässt sich das Ganze sogar mit Glühwein umsetzen, da die Mainzer Kiosk-Besitzer ihr Angebot der kalten Jahreszeit entsprechend anpassen.

2. Club-Kitchen
Für alle, die es satt haben, nur mit dem eigenen Spiegelbild die Tanzfläche zu rocken, folgt nun eine kurze Anleitung, die eure WG-Küche in wenigen Schritten in einen angesagten Szene-Club verwandelt: Heizung aufdrehen, Getränke kalt stellen, Rollos runter lassen und nicht vergessen, die Nachbarn vorzuwarnen. Auch die richtige Beleuchtung ist schnell mit einem Küchensieb und einer Taschenlampe hergestellt.
Wer besonders authentisch bleiben möchte, verteilt noch ein halbes Bier auf dem Fußboden, lässt es gut einziehen und tauscht die Räucherstäbchen gegen zwei Zigaretten ein.
Ist alles vorbereitet, kann aufgelegt werden. Live Streams angesagter DJs findet man mittlerweile überall online, beispielsweise bei United We Stream. Jetzt muss sich nur noch geeinigt werden, wozu am Samstagabend gefeiert wird – Techno, 2000er oder doch lieber Indie?
Tipp: Je kleiner die Küche, desto größer das Clubfeeling.

3. HappyHour@Home
Langsam wird es wärmer und die Gedanken an einen Caipirinha intensiver. Stilecht mit Sonnenbrille in einer Cocktailbar sitzen, an der bunten Erfrischung schlürfen und die erste Frühlingswärme aufsaugen – das geht auch zuhause.
Ob auf dem Balkon, im Garten, dem Hinterhof oder einfach bei geöffneten Fenster in der Küche – mit genügend Eis und bunten Schirmchen kann der Sommer kommen.
Hier findet ihr die Cocktails  und die passende Musik dazu.

Was ich im letzten Jahr gelernt habe, ist nicht Stricken, sondern mehr Aktivität in mein Selbstmitleid zu bringen. Man ändert nichts, wenn man dem Alternativprogramm von vornherein keine Chance gibt eine Alternative zu sein. Langeweile lässt sich nicht wegscrollen und Binge-Watching macht auf lange Sicht unglücklich.

Das mittlerweile oft erwähnte Brotbacken ist das Corona-Klischee geworden, die null-acht-fünfzehn Beschäftigung neben Yoga und Makramee. Mein erstes Brot habe ich letzte Woche gebacken und von Makramee habe ich keine Ahnung.
Und auch, wenn es mit einer Kneipentour nicht vergleichbar war, hat es erstaunlich viel Spaß gemacht – sogar geschmeckt.

In einer Zeit, in der Samstage Dienstagen gleichen, zwei Tafeln Schokolade zur Frustbekämpfung nicht mehr ausreichen und das Selbstmitleid immer größer wird, je weiter man unter die Bettdecke rutscht, ist es hilfreich zu planen.
Planen, was man mit der ganzen Zeit anfangen soll, in der man seinem Studentenleben hinterher trauert. Keine Termine sind ein Grund mehr, sich welche zu setzen.
Ab jetzt ist Montag Spieleabend, Mittwoch wird zusammen gekocht, Donnerstag ein Film geschaut und am Wochenende geht es nach einem entspannten Spabiergang in der Küche weiter. Und vielleicht entdeckt der ein oder andere sogar seine Leidenschaft fürs Stricken.

Autorin: Thea Arndt